Polyamid (PA): Eigenschaften, Typen und Datenblatt-Werte
Polyamid (PA), umgangssprachlich Nylon, ist ein teilkristalliner technischer Thermoplast mit hoher Festigkeit, guter Zähigkeit und ausgezeichneter Chemikalien- und Abriebbeständigkeit. Charakteristisch ist die Wasseraufnahme: Feuchtigkeit wirkt als Weichmacher und verändert Maße und Mechanik. Die wichtigsten Typen sind PA6, PA66, PA12 und PA46.
Was ist Polyamid? Aufbau und Herstellung
Polyamide sind Polymere, deren Bausteine über Amidbindungen (–CO–NH–) verknüpft sind – dieselbe Bindung, die auch Proteine zusammenhält. Technisch entstehen sie auf zwei Wegen, die den zentralen Unterschied zwischen den Typen erklären. PA6 wird durch ringöffnende Polymerisation eines einzigen Bausteins (ε-Caprolactam) hergestellt; PA66 durch Polykondensation zweier Komponenten (Hexamethylendiamin und Adipinsäure). Aus diesem Aufbau folgt direkt das Verhalten: PA66 packt seine Ketten regelmäßiger und kristallisiert dichter, was den höheren Schmelzpunkt und die größere Steifigkeit erklärt. PA6 ist weniger streng geordnet, dadurch zäher und einfacher zu verarbeiten. Beide gehören zu den teilkristallinen Thermoplasten: ein Geflecht aus geordneten (kristallinen) und ungeordneten (amorphen) Bereichen, das Festigkeit mit Zähigkeit verbindet.
Die wichtigsten Eigenschaften von Polyamid
Polyamid kombiniert hohe mechanische Festigkeit mit guter Zähigkeit und Verschleißfestigkeit. Mechanisch liegt die Zugfestigkeit unverstärkt bei 75–90 MPa, der E-Modul bei rund 3 GPa. Thermisch sind die Typen je nach Sorte dauerhaft bis 80–150 °C einsetzbar. Chemisch ist PA beständig gegen Kraftstoffe, Öle, Fette und viele Lösemittel, aber empfindlich gegen starke Säuren, oxidierende Medien und heißes Wasser (Hydrolyse).
Polyamid-Typen im Vergleich: PA6, PA66, PA12, PA46
Die Typen unterscheiden sich vor allem in Schmelzpunkt, Steifigkeit und Wasseraufnahme. PA66 ist der hochtemperaturfeste Allrounder, PA6 der zähe und gut verarbeitbare Standard, PA12 die feuchtigkeitsunempfindliche Spezialität, PA46 die Sorte für höchste Dauergebrauchstemperaturen.
| Eigenschaft | PA6 | PA66 | PA12 | PA46 |
|---|---|---|---|---|
| Dichte (g/cm³) | 1,13 | 1,14 | 1,01 | 1,18 |
| Schmelzpunkt (°C) | ~220 | ~260 | ~178 | ~295 |
| Zugfestigkeit, trocken (MPa) | 75–85 | 80–90 | 45–55 | 90–100 |
| E-Modul Zug, trocken (GPa) | 2,8–3,3 | 3,0–3,3 | 1,3–1,6 | 3,1–3,3 |
| Reißdehnung, trocken (%) | 50–150 | 40–80 | >200 | 30–50 |
| Dauergebrauchstemperatur (°C) | 80–100 | 90–110 | 70–90 | 110–150 |
| Wasseraufnahme, Sättigung (%) | ~9,5 | ~8,5 | ~1,4 | ~13 |
Typische Richtwerte, unverstärkt und spritzfrisch (trocken). Grade- und herstellerabhängig.
Wasseraufnahme: die kritischste Eigenschaft von Polyamid
Polyamid ist hygroskopisch und nimmt Feuchtigkeit aus der Umgebung auf. Das eingelagerte Wasser wirkt als Weichmacher: Schlagzähigkeit, Reißdehnung und Flexibilität steigen, während Steifigkeit, Zugfestigkeit und vor allem die Maßhaltigkeit sinken — Bauteile quellen. Für eng tolerierte Teile ist deshalb immer zu unterscheiden, ob ein Datenblattwert „trocken" (spritzfrisch) oder „konditioniert" (im Normklima 23 °C / 50 % r. F.) gemessen wurde.
| Typ | trocken | Normklima (23 °C / 50 % r. F.) | Sättigung in Wasser |
|---|---|---|---|
| PA6 | 0 | ~3,0 % | ~9,5 % |
| PA66 | 0 | ~2,5 % | ~8,5 % |
| PA12 | 0 | ~0,7 % | ~1,4 % |
Praktisch hat das zwei Konsequenzen. Erstens muss Polyamid vor der Verarbeitung getrocknet werden: Granulat zieht beim Lagern Feuchtigkeit, und Restwasser im Spritzguss führt zu Hydrolyse der Schmelze, Schlieren und Festigkeitsverlust. Üblich sind Restfeuchten unter 0,1 % – erreicht durch Trocknung bei 70–80 °C über mehrere Stunden. Zweitens ändern sich Maße und Mechanik im Betrieb, sobald das Bauteil Feuchtigkeit aufnimmt: Ein PA6-Teil kann zwischen trocken und Sättigung um bis zu 2 – 3 % quellen – bei einem eng tolerierten Funktionsteil ist das erheblich. Deshalb werden Datenblattwerte für Polyamid in zwei Zuständen angegeben: trocken (spritzfrisch, Maximalwerte für Steifigkeit und Festigkeit) und konditioniert(im Normklima eingestellt, näher am realen Einsatz). Wer Werte vergleicht, muss denselben Zustand vergleichen – sonst stehen Zahlen nebeneinander, die nicht vergleichbar sind.
Glasfaserverstärktes Polyamid (PA GF30)
Glasfasern heben Polyamid in den konstruktiven Bereich. Mit 30 % Glasfaser (z. B. PA66-GF30) steigt die Zugfestigkeit auf rund 190–200 MPa und der E-Modul auf etwa 10 GPa, die Wärmeformbeständigkeit (HDT, 1,8 MPa) erreicht bis ~250 °C. Im Gegenzug sinkt die Reißdehnung auf wenige Prozent. Da die Fasern die Last tragen, reagieren verstärkte Typen außerdem deutlich weniger empfindlich auf Feuchtigkeit als unverstärkte.
Vorteile und Nachteile von Polyamid
Wo Polyamid stark ist und wo seine Grenzen liegen – im Überblick:
Vorteile
- Hohe mechanische Festigkeit und Steifigkeit
- Sehr gute Zähigkeit und Schlagfestigkeit
- Exzellente Abrieb- und Verschleißfestigkeit
- Beständig gegen Kraftstoffe, Öle, Fette, viele Lösemittel
- Gute Gleiteigenschaften (geeignet für Zahnräder, Lager)
- Mit Glasfaser bis in den konstruktiven Bereich verstärkbar
Nachteile
- Hohe Wasseraufnahme (außer PA12) – Maß- und Eigenschaftsänderung
- Vortrocknung vor der Verarbeitung zwingend
- Empfindlich gegen starke Säuren und heißes Wasser (Hydrolyse)
- Begrenzte UV- und Witterungsbeständigkeit ohne Additive
- Höherer Preis als Standardkunststoffe
Typische Anwendungen
- Automobil: Ansaugmodule, Ladeluftrohre, Kühlsystem-Komponenten, Steckverbinder
- Elektro/Elektronik: Gehäuse, Spulenkörper, Steckverbinder (oft flammgeschützt)
- Maschinenbau: Zahnräder, Gleitlager, Laufrollen, Gehäuseteile
- Konsumgüter: Sportartikel, Werkzeuggehäuse, Beschläge
Datenblatt-Werte richtig lesen
Konkrete Kennwerte variieren von Grade zu Grade und von Hersteller zu Hersteller. Entscheidend ist, die Messbedingungen zu beachten — vor allem den Feuchtezustand bei mechanischen Werten und die zugrunde liegende Prüfnorm:
| ISO 1183 | Dichte |
| ISO 527 | Zugversuch (Festigkeit, E-Modul, Dehnung) |
| ISO 178 | Biegeversuch (Biege-E-Modul) |
| ISO 179 | Schlagzähigkeit (Charpy) |
| ISO 75 | Wärmeformbeständigkeit (HDT) |
| ISO 62 | Wasseraufnahme |
| ISO 11357 | Schmelzpunkt (DSC) |
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Häufige Fragen zu Polyamid
Nimmt Polyamid Wasser auf?
Ja. Polyamid ist hygroskopisch und nimmt je nach Typ Feuchtigkeit aus der Umgebung auf — PA6 bis zu rund 9,5 % bei Sättigung, PA12 dagegen nur etwa 1,4 %. Die aufgenommene Feuchtigkeit verändert Maße und mechanische Eigenschaften spürbar.
Wie hitzebeständig ist Polyamid?
Unverstärkte Standardtypen sind dauerhaft bis etwa 80–110 °C einsetzbar (PA66 höher als PA6, PA46 bis ~150 °C). Glasfaserverstärkte Typen erreichen Wärmeformbeständigkeiten (HDT, 1,8 MPa) bis nahe 250 °C.
Was ist der Unterschied zwischen PA6 und PA66?
PA66 hat einen höheren Schmelzpunkt (~260 °C vs. ~220 °C), eine höhere Dauergebrauchstemperatur und etwas höhere Steifigkeit. PA6 ist zäher, leichter zu verarbeiten und nimmt mehr Wasser auf.
Wie stabil und belastbar ist Polyamid?
Unverstärktes PA erreicht 75–90 MPa Zugfestigkeit. Mit 30 % Glasfaser steigen Festigkeit auf ~190–200 MPa und der E-Modul auf rund 10 GPa — vergleichbar mit konstruktiven Metall-Anwendungen im Leichtbau.
Welches Polyamid nimmt am wenigsten Wasser auf?
PA12 ist mit ~1,4 % Sättigungs-Wasseraufnahme der feuchtigkeitsunempfindlichste der gängigen Typen und damit erste Wahl, wenn Maßhaltigkeit unter wechselnder Feuchte kritisch ist.
Ist Polyamid dasselbe wie Nylon?
Im Wesentlichen ja. „Nylon“ ist der ursprüngliche Handelsname, „Polyamid“ (PA) die technische Sammelbezeichnung. PA6 entspricht Nylon 6, PA66 entspricht Nylon 66. In technischen Datenblättern und in der Beschaffung ist die PA-Nomenklatur üblich, im allgemeinen Sprachgebrauch und international oft „Nylon“.
Angaben sind typische Richtwerte aus öffentlich verfügbaren technischen Datenblättern und keine garantierten Spezifikationen. Einzelwerte immer gegen das aktuelle TDS des Herstellers prüfen.
