PA6 vs. PA66: Unterschiede, Eigenschaften und Materialauswahl
PA6 und PA66 (international auch Nylon 6 und Nylon 66) sind die beiden mit Abstand wichtigsten Polyamid-Typen. Sie unterscheiden sich im chemischen Aufbau, und daraus folgt der ganze Rest: PA66 hat den höheren Schmelzpunkt, ist steifer und wärmeformbeständiger; PA6 ist zäher, leichter zu verarbeiten und nimmt etwas mehr Feuchtigkeit auf. Einen breiteren Überblick über alle PA-Typen gibt der Polyamid-Eigenschaften-Guide.
Der chemische Unterschied — und warum er alles erklärt
Beide Typen entstehen über Amidbindungen, aber auf unterschiedlichem Weg. PA6 wird durch ringöffnende Polymerisation eines einzigen Bausteins (ε-Caprolactam) hergestellt. PA66 durch Polykondensation zweier Komponenten (Hexamethylendiamin und Adipinsäure) — daher die „66": je sechs Kohlenstoffatome pro Baustein. Diese regelmäßigere, symmetrische Struktur lässt PA66 dichter kristallisieren. Das erklärt direkt die Praxisunterschiede: höherer Schmelzpunkt, höhere Steifigkeit und bessere Wärmeformbeständigkeit bei PA66; PA6 ist weniger streng geordnet, dadurch zäher und mit breiterem Verarbeitungsfenster.
Eigenschaften im direkten Vergleich
| Eigenschaft | PA6 | PA66 |
|---|---|---|
| Chemische Basis | ε-Caprolactam (1 Baustein) | Hexamethylendiamin + Adipinsäure (2 Bausteine) |
| Dichte (g/cm³) | 1,13 | 1,14 |
| Schmelzpunkt (°C) | ~220 | ~260 |
| Zugfestigkeit, trocken (MPa) | 75–85 | 80–90 |
| E-Modul Zug, trocken (GPa) | 2,8–3,3 | 3,0–3,3 |
| Reißdehnung, trocken (%) | 50–150 | 40–80 |
| Dauergebrauchstemperatur (°C) | 80–100 | 90–110 |
| Wasseraufnahme, Sättigung (%) | ~9,5 | ~8,5 |
| Verarbeitung | breiteres Fenster, niedrigere Schmelztemp. | engeres Fenster, schnellere Kristallisation |
Typische Richtwerte, unverstärkt und spritzfrisch (trocken). Grade- und herstellerabhängig.
Wasseraufnahme: beide hygroskopisch, PA6 etwas stärker
Beide Typen nehmen Feuchtigkeit auf, die als Weichmacher wirkt: Zähigkeit und Dehnung steigen, Steifigkeit und Maßhaltigkeit sinken. PA6 nimmt mit ~9,5 % bei Sättigung mehr auf als PA66 (~8,5 %), reagiert also etwas empfindlicher. Praktisch heißt das für beide: Vortrocknung vor der Verarbeitung ist Pflicht, und mechanische Datenblattwerte sind nur vergleichbar, wenn derselbe Feuchtezustand zugrunde liegt — „trocken" (spritzfrisch) gegen „konditioniert" (Normklima 23 °C / 50 % r. F.).
Verarbeitung
PA6 hat das breitere Verarbeitungsfenster und die niedrigere Schmelztemperatur, was es gutmütiger im Spritzguss und tendenziell besser in der Oberflächengüte macht. PA66 kristallisiert schneller — das verkürzt Zykluszeiten, erhöht aber die Neigung zu Verzug bei ungleichmäßiger Wanddicke und verlangt eine genauere Temperaturführung. Beide müssen auf Restfeuchten unter ~0,1 % getrocknet werden.
Wann PA6, wann PA66?
PA6 wählen, wenn…
- Zähigkeit und Schlagfestigkeit im Vordergrund stehen
- eine hochwertige Oberfläche gefragt ist
- das Bauteil komplex/dünnwandig ist (gutmütige Verarbeitung)
- die Temperaturanforderung moderat bleibt
- Materialkosten ein Faktor sind
PA66 wählen, wenn…
- höhere Dauergebrauchstemperaturen gefordert sind
- maximale Steifigkeit und Formstabilität zählen
- das Teil dauerhaft thermisch belastet wird (motornah)
- kurze Zykluszeiten gewünscht sind
- etwas bessere Maßhaltigkeit unter Feuchte nötig ist
Glasfaserverstärkt: PA6-GF30 vs. PA66-GF30
Mit 30 % Glasfaser rücken beide Typen näher zusammen, weil dann die Fasern die Last tragen. PA66-GF30 behält den Vorsprung bei Wärmeformbeständigkeit (HDT bis nahe 250 °C) und Steifigkeit, PA6-GF30 bleibt etwas zäher und in der Oberfläche feiner. Für viele konstruktive Bauteile sind die beiden GF30-Typen die eigentliche Entscheidung — der direkte Grade-Vergleich zeigt, welche konkreten Typen sich nach Spezifikation gegenüberstehen.
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Häufige Fragen zu PA6 und PA66
Was ist der Hauptunterschied zwischen PA6 und PA66?
Der Unterschied liegt im chemischen Aufbau: PA6 wird aus einem einzigen Baustein (ε-Caprolactam) hergestellt, PA66 aus zwei (Hexamethylendiamin und Adipinsäure). PA66 kristallisiert dadurch regelmäßiger und dichter — daraus folgen höherer Schmelzpunkt, höhere Steifigkeit und bessere Wärmeformbeständigkeit. PA6 ist im Gegenzug zäher und leichter zu verarbeiten.
Ist PA66 besser als PA6?
Keines ist generell besser — es kommt auf die Anwendung an. PA66 ist erste Wahl bei höheren Dauertemperaturen und maximaler Steifigkeit (z. B. motornahe Bauteile). PA6 punktet bei Zähigkeit, Schlagfestigkeit, Oberflächengüte und einfacherer Verarbeitung, meist zu etwas niedrigeren Materialkosten.
Welches Polyamid ist hitzebeständiger?
PA66. Sein Schmelzpunkt liegt bei ~260 °C gegenüber ~220 °C bei PA6, und die Dauergebrauchstemperatur ist rund 10–20 °C höher. In Dauerwärme-Anwendungen hat PA66 daher die Nase vorn.
Nimmt PA6 oder PA66 mehr Wasser auf?
PA6 nimmt mehr Feuchtigkeit auf — bis zu rund 9,5 % bei Sättigung gegenüber ~8,5 % bei PA66. Beide sind hygroskopisch und müssen vor der Verarbeitung getrocknet werden; die aufgenommene Feuchte verändert Maße und Mechanik bei PA6 etwas stärker.
Sind PA6/PA66 und Nylon 6/Nylon 66 dasselbe?
Ja. PA6 und PA66 sind die technischen Bezeichnungen; Nylon 6 und Nylon 66 sind die international gebräuchlichen Handelsnamen für dieselben Materialien. Die Eigenschaften und Unterschiede sind identisch, unabhängig von der Bezeichnung.
Kann PA6 einfach durch PA66 ersetzt werden?
Nicht als reiner Drop-in. Schmelzpunkt, Verarbeitungsfenster, Schwindung und Feuchteverhalten unterscheiden sich, sodass ein Wechsel eine Anpassung von Werkzeug/Prozess und eine erneute Qualifizierung des Bauteils erfordert. Technisch sind die Typen aber oft gegeneinander austauschbar, wenn die Eigenschaftsprofile zur Anforderung passen.
Angaben sind typische Richtwerte aus öffentlich verfügbaren technischen Datenblättern und keine garantierten Spezifikationen. Einzelwerte immer gegen das aktuelle TDS des Herstellers prüfen.
